Das roemische Reich und Palaestina (7c,12c)

Wiege und Kinderstube des Christentums

von Karl Juergen Hepke

Die Eroberung des Mittelmeerraums durch Rom hatte bereits zur Zeit von Christi Geburt tiefe und bleibende Wunden hinterlassen. Etrurien und Karthago waren vernichtet und im roemischen Reich eingegliedert. Griechenland war nach seinem Befreiungsversuch in den Kriegen des Mithridates verwuestet und ausgeraubt worden und hatte in den Buergerkriegen zwischen Caesar und Pompejus und spaeter Antonius und Brutus weiteres zu leiden. Seine Ernten und sein Gold wurde beschlagnahmt, die Maenner zum Kriegsdienst gezwungen und die Steuern fuer zwanzig Jahre in zwei Jahren eingezogen. Zurueckgeblieben war ein verarmtes und veroedetes Land, das von den nachfolgenden Generationen verlassen wurde , weil sich in anderen Laendern bessere Lebensmoeglichkeiten boten.

 
Nur einige Staedte erholten sich auf Grund ihrer besonderen Lage oder Funktion im Reichsverband wieder etwas. So Olympia auf Grund des Touristenverkehrs der Olympischen Spiele , Eleusis als Stadt der Mysterienauffuehrungen, Epidaurus als Heilstaette, Korinth auf Grund des Handelsverkehrs durch den Isthmus und Athen als Geistes- und Bildungsmittelpunkt fuer Studenten und Gelehrte aus dem ganzen Reich. Hier wurde Literatur- und Sprachwissenschaft, Rhetorik, Philosophie, Mathematik, Astronomie, Medizin und Recht gelehrt. Es waren die klassischen Faecher Griechenlands, die durchweg reine Geistesuebungen waren und kaum praktische Bedeutung hatten. Nach wie vor fehlten alle naturwissenschaftlichen Bereiche und jede Art von Ingenieurwissen wie Architektur, Bergbau, Agronomie, Metallurgie, die einst die Ausbildungsstaetten der Etrusker und Karthager bereits vermittelt hatten. Dieses Wissen war groesstenteils mit den Voelkern bereits zu Grunde gegangen.

Das Produkt Athens war eine Vielzahl von scharfsinnigen Geistern und Phantasten, die Philosophie und Religion mit den widerspruechlichsten Theorien verwirrten. Es entstand wieder der Stand der Sophisten. Sie waren in der Lage, ihrer jeweiligen Doktrin so beredt Ausdruck zu verleihen, dass ihnen jedermann begeistert zustimmen musste. Die Menschen stroemten heran, um ihnen zuzuhoeren und viele der Redner gelangten dabei zu Reichtum oder kaiserlichen Gunstbezeigungen. Dabei ging es oft mehr um Sprechtechnik oder Redegewandtheit als um Probleme des Glaubens oder der Philosophie. Einige waren in der Lage, aus dem Stegreif mitreissende Reden zu schwierigen Themen zu halten und ernteten dafuer grosse Bewunderung und kaiserliche Belohnungen

Ihr Gegenstueck waren die Kyniker. Sie lebten als Bettelmoenche mit einer hierarchischen Organisation , ehelos unter Verachtung aller Konventionen und verlachten alle Glaubensdinge wie Orakel, Mysterien und Goetter. Es gab auch geachtete unter ihnen wie Demonax, der sein Leben der Hilfeleistung fuer andere und der Schlichtung von Streitigkeiten widmete und 100 Jahre alt wurde.

Die vorherrschende philosophische Richtung war der Stoizismus, nach dem Gott ein Hauch (pneuma) ist, der alle Dinge durchdringt und sich in den Pflanzen als Wachstumsfaehigkeit, in den Tieren als Seele (psyche) und in den Menschen als Vernunft (logos) aeussert.

Oestlich von Griechenland sah es um diese Zeit noch besser aus. In Kleinasien, Syrien, Aegypten bluehten noch die alten Kulturen der hellenistischen Zeit und profitierten vom durch das roemische Reich vermittelten Frieden, obwohl auch sie bereits begannen, unter der wachsenden Steuerlast zu seufzen. Schlechter ging es Palaestina. Hier hatte 143 v. Chr. Simon Makkabaeus fuer Judaea die Unabhaengigkeit vom Seleukidenreich erreicht und die Dynastie der Hasmonaeer begruendet. Bis 78 v. Chr. hatten die Hasmonaeer ihr Reich auf die Groesse des unter Salomon erreichten vergroessert und zwangen allen Unterworfenen die juedische Religion und die Beschneidung auf. Als 69 v. Chr. unter ihnen ein Erbfolgestreit ausbrach, wurde Pompeius, der in Syrien bereitstand "zur Hilfe" gerufen. Dies war sicher eine der in Rom ueblichen Begruendungen fuer einen Eroberungsfeldzug.

Pompeius besetzte das Land, belagerte den Tempel in Jerusalem drei Monate lang und schlachtete 12 000 Juden bei seiner Eroberung ab. Die Tempelschaetze blieben noch unberuehrt, aber eine "Reparationszahlung" von 10 000 Talenten und der Verlust aller von den Hasmonaeern eroberten Gebiete, die unter roemische Herrschaft kamen, waren die Kriegsfolge. Ausserdem verlor Judaea seine Selbstaendigkeit und wurde Teil der roemischen Provinz Syria. Es handelte sich also eindeutig um eine der ueblichen Erweiterungen des Roemischen Reiches, verbunden mit einem Raubzug. Crassus vollendete 54 v. Chr. den Raub indem er den Tempelschatz im Wert von weiteren 10 000 Talenten bei seinem Durchzug "mitgehen" liess. Als nach Crassus Tod die Juden ihre Freiheit zurueckforderten wurde ihr "Aufstand" 43 v. Chr. niedergeschlagen und 30 000 Juden als Sklaven verkauft.

Bei einem Zwischenspiel der Eroberung durch die Parther wurde Herodes Koenig von Roms Gnaden. Er vertrieb die Parther, toetete alle Juden, die mit ihnen zusammengearbeitet hatten und trat seine Herrschaft als kleiner Augustus von Judaea an. Wahrscheinlich strebte er aber mehr Salomon nach. Er baute, vergroesserte staendig seinen Herrschaftsbereich, hatte zehn Frauen, davon neun zur gleichen Zeit, war ein guter Kaempfer und Jaeger und besass darueber hinaus die Faehigkeit , sich aus allen politischen Fussangeln, die ihm seine Feinde stellten, mit Eleganz durch Ueberredung oder Bestechung zu befreien. Dabei sprang durchweg noch ein Vorteil fuer ihn heraus.

Bei dem Volk, das er beherrschte war er nicht beliebt. Er war durch Rom an die Macht gekommen und achtete immer darauf, ein gutes Verhaeltnis zu Roms Macht zu haben. Die Juden, die frei sein wollten, was voellig anachronistisch war, sahen deshalb in ihm den Zwingherrn Roms, seufzten unter den Steuern, missbilligten die Bautaetigkeit, die der Wirtschaft und dem Ruhm des Landes zu Gute kam und wussten die Ordnung und Sicherheit, die seine Herrschaft kennzeichnete, nicht zu schaetzen. Er war kein Jude, hielt sich nicht an ihre Gesetze, fuehrte ein nach ihren Vorstellungen sittenloses Leben, umgab sich mit Griechen und fuehrte griechisches Theater und roemische Gladiatorenspiele ein. Die nackten griechischen Statuen waren fuer die orthodoxen Juden genau wie die nackten Ringkaempfer bei den Gladiatorenspielen ein Aergernis.

Selbst der Neubau des Tempels, der den bereits 500 Jahre alten , von Kyros finanzierten, ersetzte, fand anfangs keinen Anklang, obwohl er ein Meisterwerk der Baukunst war. Er galt als Wunderwerk der augusteischen Welt und erfuellte die Juden, als er fertig war, dann doch mit Stolz. Anders sah es mit der uebrigen Bautaetigkeit im Land aus. Der Aufbau der uebrigen Staedte Palaestinas und die Investitionen, die in "auslaendischen" Staedten wie Damaskus, Byblos, Tyros, Sidon und Antiochia gemacht wurden, erbitterten sie. Sie wollten mit diesen griechischen Staedten nichts zu tun haben und befuerchteten, dass der hellenistische Geist ihrem Glauben Schaden zufuegen koennte.

Es gab Verschwoerungen gegen Herodes, die entdeckt und im Stil der Zeit hart bestraft wurden. In manchen Faellen wurde die ganze Familie der Verschwoerer ausgerottet. Um sicher zu gehen, liess er das Volk bespitzeln und war sich selbst nicht zu schade, sich verkleidet unter das Volk zu mischen, um die Stimmung zu erkunden. Jedes feindselige Wort gegen ihn wurde hart bestraft. So hielt er zwar das Volk im Zaum, doch das Unglueck kam aus der eigenen Familie.

Seine zehn Frauen und vierzehn Kinder brachten ihm viel Aerger. Seine zweite Frau, Mariamne, die er abgoettisch liebte, behandelte ihn von oben herab, um sich durch die von Herodes veranlasste Ermordung ihres Grossvaters aus der Hasmonaeerdynastie, Hyrkanos II, und ihres Bruders zu raechen. Als sie auch noch Streit mit Herodes Mutter und Schwester anfing, wurde sie in einer Intrige der Absicht eines Anschlags auf das Leben des Herodes bezichtigt, angeklagt und hingerichtet.

Herodes litt furchtbar unter ihrem Tod, ging in die Wueste, aus der man ihn krank und halb wahnsinnig in den Palast zurueckholte. Er gesundete, bezichtigte die Mutter Mariamnes und die zwei Soehne, die er von Mariamne hatte, eigentliche Urheber der Verschwoerung gewesen zu sein, und liess sie ebenfalls hinrichten.

Zwei Jahre spaeter wurde Antipater, Sohn aus erster Ehe einer Verschwoerung ueberfuehrt, ins Gefaengnis geworfen und nach einem missglueckten Befreiungsversuch mit Hilfe von Bestechung auch hingerichtet. Es blieben drei Soehne, unter die er sein Reich bei seinem Tod, der ihn im Alter von 69 Jahren nach langer Krankheit erreichte, aufteilte. Jeder erhielt etliche Staedte, die teils juedisch teils griechisch besiedelt waren.

Auf dem Lande in Palaestina lebten ueberwiegend Juden und in den noerdlichen Landesteilen Galilaeer. Aber auch die Juden waren in zwei Gruppen geteilt. Die Samaritaner mit Hauptstadt Samaria betrachteten den Berg Garizim in ihrem Gebiet als Wohnsitz Jahves und erkannten als gueltige Schrift nur den Pentateuch an. Die Judaeer hingegen sahen im Berg Zion in Jerusalem den Wohnsitz Jahves und besassen eine Reihe weiterer heiliger Schriften.

Die Galilaeer wurden als unwissende "Abtruennige" angesehen und die Galilaeer ihrerseits verachteten die Juden wegen ihrer Abhaengigkeit von ihrem "Gesetz". Die zweieinhalb Millionen Einwohner Palaestinas waren also auch in dieser Zeit alles andere als ein einiges Volk. Dazu kam noch, dass drei Sprachen gesprochen wurden. Die Mehrheit sprach aramaeisch. Priester und Gelehrte benutzten das Hebraeische und die griechischen Bevoelkerungsteile sprachen griechisch. Die Wirtschaftskraft beruhte ueberwiegend auf der Landwirtschaft, Handwerk und Kleinhandel. Der Tempel war die Nationalbank.

In einem besonderen Saal des Tempels tagte der Aeltestenrat, der sich, wie auch noch heute in fast allen Parlamenten, in eine konservative und eine fortschrittlichere Gruppierung teilte. Zur konservativen Gruppe zaehlten die hoeheren Priester und die Sadduzaeer, die liberale Gruppe umfasste die Pharisaeer und die Schriftgelehrten. Den Vorsitz fuehrte der Hohepriester. Dieser Rat war befugt, Verstoesse gegen den juedischen Glauben und seine Gesetze zu behandeln und sogar Todesurteile zu faellen, die aber durch die weltliche Macht, in dieser Zeit repraesentiert durch den von Rom ernannten Koenig oder Statthalter, bestaetigt werden mussten.

Die Sadduzaeer, die ihren Namen von dem Gruender ihrer Gruppe, Sadok, hatten, vertraten eine nationalistische Politik und orthodoxe Religion, die fuer sie in der strikten Befolgung der Gesetze der Thora bestand. Zusaetzliche Verordnungen aus muendlicher Ueberlieferung erkannten sie nicht an. Sie zweifelten an der Idee der Unsterblichkeit und begnuegten sich mit dem Wohlergehen auf Erden, das, da sie durchweg den oberen Staenden angehoerten, auch meistens nicht schlecht war.

Die Pharisaeer (von Peruschim "Abgesonderten") hatten ihren Namen erhalten, weil sie sich, aehnlich wie die Brahmanen in Indien, als besondere Kaste fuehlten, die Gebote der rituellen Reinheit strengstens einhielten und allen aus dem Wege gingen, die dies nicht taten und deshalb fuer sie "unrein" waren. Sie waren, wie die Brahmanen oder Druiden bei den Kelten, besonders Kundige im aufgezeichneten Gesetz und Kenner der das Gesetz ergaenzenden muendlichen Ueberlieferung. Diese muendliche Ueberlieferung strittiger Auslegungen des Gesetzes war nach ihrer Ansicht unbedingt erforderlich, um das Gesetz in kritischen Faellen dem Bedarf der veraenderten Lebensbedingungen anpassen zu koennen. Dies erklaert, warum sie zur fortschrittlichen Gruppe im Aeltestenrat zaehlten. Wegen ihrer in den Testamenten beschriebenen Rolle im Verfahren gegen Jesus erscheinen sie faelschlich durchweg als Konservative.

Sie fuehrten ein einfaches Leben, fasteten haeufig, betonten oft in aufreizender Weise ihre Tugendhaftigkeit und stellten so das moralische Rueckgrat des Judentums dar. Als die Katastrophe kam, sicherten sie das Ueberleben des Glaubens, indem sie die Rabbis des zerstreuten Volkes stellten. Vielleicht waren sie sich bewusst, dass sie, wie die Brahmanen und Druiden, nichts anderes waren als die Fortfuehrung des Priesterstandes der atlantischen Kultur der kanaanitischen Vorvaeter.

Ganz anders verhielt es sich mit den Essenern, einer radikalen juedischen Sekte, die ihr Heil in dem in dieser Zeit weitverbreiteten Asketismus suchten und Gedanken aus extremen Richtungen in Persien, Babylon und Griechenland, die in Palaestina zusammenliefen, aufgriffen und sich zu eigen machten. Die Sekte zaehlte in Palaestina etwa 4000 Mitglieder, bildete einen eigenen Orden und achtete strengstens auf Einhaltung des geschriebenen und muendlich ueberlieferten Gesetzes. Die Anhaenger lebten ehelos in moenchaehnlicher Form, praktizierten Kommunismus und wurden auf Grund ihrer Lebensweise oft ueber 100 Jahre alt.

Sie suchten, aehnlich wie indische Gruppen, durch Gebet und Meditation zu hoeheren Erkenntnissen zu gelangen und die Zukunft vorauszusehen. Sie glaubten an Engel und Daemonen, Besessenheit von boesen Geistern, die Wirkung von Zauberspruechen und waren offenbar in dieser Hinsicht sehr stark vom Wissen der "Magier" Persiens und Babylons beeinflusst. Auf Grund ihrer spirituellen Einstellung hielten sie sich vom politischen Tagesgeschaeft und Auseinandersetzungen mit der roemischen Besatzungsmacht fern, kaempften aber, als Rom Jerusalem und den Tempel angriff, verbissen und bis zum letzten Mann gegen die roemischen Soldaten.

Diese drei Gruppen waren die wichtigsten zur Zeit Jesu. Die Schriftgelehrten, die darueber hinaus oft genannt werden, waren eine Berufsgruppe, die sich im Gesetz auskannte, es lehrte, oeffentlich diskutierte und im Bedarfsfall zur Anwendung brachte. Zu ihnen gehoerten Pharisaeer, Sadduzaeer und Priester. Sie waren die Rechtsgelehrten von Judaea, ihre Entscheidungen wurden an die Schueler weitergegeben und genossen bei den Pharisaeern als muendliche Ueberlieferung das gleiche Ansehen wie das geschriebene Gesetz. Ein Teil davon wurde spaeter als Talmud schriftlich niedergelegt.

Die Ideenwelt Judaeas war erfuellt von der Vorstellung der Erloesung aus der Knechtschaft Roms, seiner Habgier, Verraeterei, Brutalitaet und Goetterwelt, die keinen Einfluss auf die Moral der Roemer mehr hatte. Man traeumte von einem "Messias", einem "Gottgesandten", der die Befreiung bringen sollte. Diese Erloeseridee stammte wahrscheinlich aus Persien oder Babylonien, wo die Lehre Zarathustras den Geschichtsablauf und alles Leben als Kampf zwischen den guten und den boesen Maechten darstellte. Die boese Macht sah man eindeutig in Rom und erwartete sehnlichst das Eingreifen der guten Macht, die ein Reich der Gerechtigkeit und des Friedens wiederherstellen sollte.

Wie der "Messias" beschaffen sein sollte, darueber gab es die verschiedensten Vorstellungen. Einige sahen in ihm einen irdischen Koenig wie David, andere, wie die Verfasser des Buches Daniell und Henoch nannten ihn "Menschensohn" und stellten ihn sich als vom Himmel kommend vor. Wieder andere sahen in ihm die fleischgewordene Weisheit, den "Logos" der Genesis, der spaeter in der Philosophie noch eine grosse Rolle spielen sollte.

Einigkeit bestand in der Meinung, dass das Kommen des Messias und die Endzeit nahe bevorstaenden, was dann ja auch eintraf. Die Ergebnisse waren nur anders, als die Juden es sich vorstellten.

Die Juden standen aber nicht allein in der Hoffnung auf eine Besserung der Verhaeltnisse. Die Theologie und Philosophie im uebrigen unterdrueckten und ausgebeuteten roemischen Reich suchte ebenfalls Hoffnung in Mysterienreligionen, Mithraskult und philosophischen Betrachtungen ueber ein besseres Leben nach dem Tode.

Im Jahr 4 v. Chr., also im angenommenen Geburtsjahr Jesu, kam es zum Aufstand in Jerusalem gegen Herodes Nachfolger Archelaos. 3000 Menschen wurden durch die Soldaten von Archelaos erschlagen, darunter viele, die zum Passahfest nach Jerusalem gekommen waren. Zu Pfingsten wiederholte sich der Aufstand mit aehnlichem Ergebnis. Die Kreuzgaenge um den Tempel wurden dabei eingeaeschert und die Tempelschaetze durch die pluendernden Legionen geraubt. Auf dem Lande bildeten sich Banden, welche die Anhaenger Roms verfolgten. Eine dieser Banden unter der Fuehrung von Judas von Galilaea eroberte Sepphoris, die Hauptstadt Galilaeas.

Varus, der Statthalter von Syrien griff ein, marschierte mit 20 000 Mann nach Palaestina, aescherte hunderte von Doerfern und Staedten ein, kreuzigte 2000 Aufstaendische und verkaufte 30 000 Juden als Sklaven. Eine Gesandtschaft fuehrender Juden fuhr nach Rom und bat Augustus um Aufhebung des nicht funktionierenden Koenigtums in Judaea und direkte Unterstellung unter Rom. Judaea wurde Provinz zweiten Ranges unter einem Prokurator, der wiederum dem Statthalter der Provinz Syrien unterstellt war. Dies war die Zeit , die Jesus dank der Umsicht seines Vaters in Sicherheit in Aegypten verbrachte.

Es folgte eine Atempause des Friedens unter Tiberius. Aber die Ausbeutung ging weiter. Dies ist die Zeit in der Jesus lebte, lehrte und hingerichtet wurde. Caligula verlangte eine Aufstellung seines Standbilds im Tempel, was neue Unruhen ausloeste. Doch sein Tod loeste dieses Problem. Unter Claudius wurde Agrippa, der Enkel des Herodes zum Koenig ernannt. Sein ploetzlicher Tod 41 n. Chr. loeste neue Unruhen aus und Judaea wurde wieder Provinz unter einem Prokurator (44 n. Chr.) Von nun an verschlechterte sich die Situation in Judaea fortlaufend. Die voellig unfaehigen Prokuratoren uebertrafen sich gegenseitig in Misswirtschaft, Korruption und Raeubereien. Pallas uebte ,nach Tacitus," das Koenigsrecht mit Sklavenlaune". Festus war etwas gerechter, starb aber bald. Albinus pluenderte, brandschatzte und entliess Rechtsbrecher gegen Loesegeld aus dem Gefaengnis. Florus pluenderte die Staedte aus und unternahm nichts gegen andere, die Gleiches taten, wenn er entsprechend beteiligt wurde.

Aus der allgemeinen Erbitterung gegen diese Zustaende bildeten sich Gruppen von Widerstaendlern sogenannte Zeloten und Dolchstecher, die mit den Roemern kooperierende Juden von hinten erstachen und in dem entstehenden Tumult entkamen. Als Florus unberechtigt 17 Talente aus dem Tempelschatz entnahm, gab es einen Aufruhr. Die Legionen zerstreuten ihn, pluenderten hunderte von Haeusern und ermordeten die Bewohner. Die "Anstifter" des Aufstands wurden ausgepeitscht und anschliessend gekreuzigt. An einem Tag wurden 3600 Juden getoetet.

Das Ergebnis war eine Spaltung der Stadt in zwei Lager. Die Vermoegenden rieten zur Ruhe, da ein Aufstand letztlich ohne Chance war. Die Mittellosen schrien nach Rache und Befreiung von der Willkuerherrschaft. Schliesslich fielen beide Gruppen uebereinander her und toeteten sich gegenseitig. 68 n. Chr. lieferten sie sich eine regelrechte Schlacht, in der die Radikalen siegten und 12 000 Juden erschlagen wurden. Darunter waren fast alle Begueterten.

Aus dem Aufstand war eine Revolution geworden. Man griff die roemische Garnison von Masada an, ueberredete die Soldaten zur Ablieferung ihrer Waffen und metzelte sie dann nieder. Dies loeste in den vorwiegend griechisch besiedelten Staedten antijuedische Exzesse aus. In Caesarea wurden 20 000 Juden umgebracht und in Damaskus 10 000 Juden gekoepft. Die Revolutionaere verwuesteten darauf griechische Staedte in Palaestina und legten etliche in Schutt und Asche. Ueberall lagen unbegrabene Leichen, darunter Greise, kleine Kinder und halbnackte Frauen. Ein besonderer Graeuel fuer die Juden, die auf unbedeckte Schamteile wegen ihres Gesetzes geradezu hysterisch reagierten. Im September 66 n. Chr. hatte die Revolution Jerusalem und fast ganz Palaestina in der Hand und auch die Anhaenger der Friedenspartei schlossen sich ihr an.

Zu ihnen zaehlte auch Josephus, ein junger Priester von 30 Jahren, der spaeter die Berichte ueber den Aufstand lieferte. Er wurde von den Revolutionaeren beauftragt Galilaea zu befestigen und gegen die Roemer zu verteidigen. Bei der Belagerung der Festung Jotapata verteidigte er sie, bis nur noch 40 Mann uebrig waren, die Josephus zur Uebergabe ueberreden wollte. Sie lehnten aber ab und gaben sich gegenseitig nach Losentscheid den Tod. Als nur noch Josephus und ein weiterer Jude uebrig waren, ueberredete er diesen, sich mit ihm zu ergeben. Er sollte in Ketten als Gefangener nach Rom geschickt werden, prophezeite aber Vespasian, dass er Kaiser werden wuerde. Als dies auch eintraf, wurde er freigelassen und diente Vespasian als Berater in juedischen Angelegenheiten. Als Vespasian nach Alexandrien ging, begleitete er Titus bei der Eroberung Jerusalems und berichtete weiter. Jetzt auf roemischer Seite.

Als die Legionen anrueckten, schlossen sich die Juden einmuetig zur Verteidigung Jerusalems zusammen. Auch die Frauen kaempften mit und standen den Maennern in nichts nach. Josephus rief die Verteidiger zur Uebergabe auf. Sie beschimpften ihn als Verraeter und kaempften bis zum letzten. Die Belagerung dauerte fuenf Monate. Der Hunger trieb viele zu verzweifelten Ausfaellen zur Beschaffung von Nahrung. Viele wurden dabei gefangengenommen und gekreuzigt. 116 000 Leichname wurden von den Verteidigern aus der Stadt geworfen. Trotzdem waren am Ende der Belagerung die Strassen noch mit Leichen verstopft.

Als Titus die halbe Stadt erobert hatte, bot er Friedensbedingungen an, die seiner Meinung nach milde waren. Die Juden lehnten ab. Die Roemer setzten darauf den Tempel mit feurigen Geschossen in Brand und das herrliche Bauwerk sank nach nur 80 Jahren Bestand in Schutt und Asche. Die Verteidiger kaempften bis zum Ende, gaben sich teils gegenseitig den Tod und was dann noch lebte wurde durch die Roemer erschlagen. 97 000 Fluechtlinge gerieten in Gefangenschaft, wurden als Sklaven verkauft oder verloren ihr Leben als Gladiatoren in den Arenen von Berytos, Caesarea Philippi oder Rom. Die Zahl der bei diesem "Aufstand" getoeteten Juden wird von Josephus mit 1,2 Millionen von Tacitus mit 6 Millionen angegeben.

Es war das Ende des Judenstaates. Rom zoegerte nicht, wie schon oft praktiziert, mit seiner Aufloesung und Ausloeschung. Das Eigentum aller Juden, die am Aufstand teilgenommen hatten, wurde beschlagnahmt und verkauft. Jerusalem wurde vollstaendig zerstoert und eingeebnet. Aeltestenrat und das Amt des Hohenpriesters wurden abgeschafft. Die Sadduzaeer verschwanden als ihre Vermoegen verloren waren. Die Pharisaeer uebernahmen wie die Rabbis die Pflege des Glaubens in den nun heimatlosen Gemeinden. Judaea selbst war fast ganz von Juden entbloesst. Das "gelobte Land" war 73 n. Chr. dem "auserwaehlten Volk" verlorengegangen.
Die schon lange vorhergesagte Katastrophe hatte fuer die Juden stattgefunden.

Und wo war der Messias? Fast unbemerkt von den Juden und in der offiziellen Geschichtsschreibung nicht beruecksichtigt war er 40 Jahre zuvor in Jerusalem als "Gotteslaesterer" vom Aeltestenrat zum Tode verurteilt und von den Soldaten der roemischen Besatzungsmacht wie ein gemeiner Verbrecher hingerichtet worden. Ein Irrtum der Propheten? Ein Betriebsunfall? Man koennte durchaus der Meinung sein, dass hier etwas schiefgelaufen ist. Und das nicht nur fuer die Juden!

Wie anders waere die Geschichte gegangen, wenn Jesus noch 40 oder 50 Jahre gelebt und gelehrt haette. Viele Fragen, die spaeter die Christenheit uneins machten und bei deren Beantwortung sich oft der staerkere mit Rueckhalt der Staatsmacht und nicht der mit den besseren Argumenten durchsetzte, waeren garnicht erst entstanden. Viele hunderttausende "Ketzer", Arianer, Jansenisten, Albigenser, Hugenotten, Lutheraner, Katholiken ,um nur einige zu nennen, waeren nicht um des "richtigen" Glaubens willen getoetet und gefoltert worden. Man kann annehmen , dass das ganze "finstere" Mittelalter der Menschheit erspart geblieben waere. Die falsche Entscheidung eines Menschen, naemlich die, zum Passahfest in das brodelnde Jerusalem mit seinen unstabilen politischen Verhaeltnissen zu gehen, zog unabsehbare Folgen nach sich.

Die Anhaenger der Praedestination werden sagen:
" Es sollte so sein."
Diejenigen, die dem Menschen einen freien Willen zubilligen, werden sagen :
" Der freie Wille beinhaltet auch die falsche Entscheidung, auch Jesus war nur ein Mensch und gerade das macht ihn sympathisch."

Doch fuer beide gilt die gleiche Tatsache:

Durch Jesu fruehes Ausscheiden entstand eine Lehre, die unvollstaendig war und der dauernden Weiterentwicklung durch andere Menschen bedurfte. Dadurch blieb sie menschlich, wenn auch manchmal mit Irrtuemern behaftet, die aber zu korrigieren waren. Haette Jesus seine Lehre selbst vervollstaendigen koennen, dann waere wieder ein "Gesetz" entstanden. An ihm haetten die Menschen wie am alten "Gesetz" heruminterpretiert, aber niemand haette gewagt, den Kern anzutasten.

Wo aber kein vorgegebener Kern ist, bleibt immer die Moeglichkeit ihn, wenn die Zeiten sich aendern, auch den neuen Gegebenheiten anzupassen. Das Christentum besitzt damit die Moeglichkeit, und das ist einzigartig auf der Erde, als nicht vollstaendig vorgegebenes Gesetz sich weiter zu entwickeln. Es erfuellt damit die wichtigste Voraussetzung fuer eine auf Dauer lebendige Religion, die zu jeder Zeit die Menschen ansprechen und erfuellen kann.
Voraussetzung dafuer ist allerdings, dass dies von den fuehrenden Kraeften besser als bisher erkannt und auch praktiziert wird. Das unselbstaendige, sklavische Festhalten am Alten, wie es neuerdings wieder die mit vollstaendigem "Gesetz" definierten Religionen praktizieren, ist dafuer mit Sicherheit nicht der richtige Weg. Das beweist nicht zuletzt und um das Jahr 2000 n. Chr. gerade wieder, die traurige Geschichte des Judentums.

zurueck